Techniker im Reinraum am geöffneten Kryostaten, daneben zwei Agenten als transparente blaue Konturen

Rechnen · Donnerstag, 5. November 2026

Achtzig Zentimeter

Zwei Chips, vier Kabel, achtzig Zentimeter. Was nach Verkabelung klingt, ist der Schritt, an dem Quantenrechner überhaupt erst skalieren können.

Vier supraleitende Aluminiumkabel, je achtzig Zentimeter lang, verbinden zwei Chips in demselben Kühlgerät, je 120 Qubits. Quantenrechner gelten als die Maschinen, auf denen KI rechnen soll, was heutige Rechner nicht schaffen — und der Schritt dorthin ist in dieser Woche kein größerer Chip, sondern eine Leitung.

Techniker am geöffneten Kryostaten, zwei Agenten als blaue Konturen

Kurz verstanden

Quantenrechner sollen Aufgaben übernehmen, an denen KI scheitert — dafür braucht es nicht ein paar hundert Qubits, sondern Hunderttausende, und die passen nicht auf einen Chip. Der Ausweg ist die Verbindung: zwei Chips, ein Kühlgerät, vier Kabel. Damit verschiebt sich die Frage von der Fertigung zur Verkabelung, und jeder Übergang ist eine neue Fehlerquelle. Ob das Verfahren auf Tausende Chips skaliert, ist offen; von außen nachgemessen hat es niemand.

Die beiden Chips heißen bei IBM Nighthawk R1 und tragen je 120 Qubits. Science hat am 27. Oktober über den Versuch berichtet. Sie sitzen im selben Kühlgerät, in dem supraleitende Schaltkreise nahe dem absoluten Nullpunkt gehalten werden — kälter als der Weltraum, dort sind es 2,7 Kelvin, hier Millikelvin. Vier Kabel aus Aluminium, jeweils achtzig Zentimeter lang, übertragen Quantenzustände von einem Chip zum anderen. Ein an der Arbeit nicht beteiligter Physiker nennt das einen Meilenstein und betont, es sei das erste Mal, dass zwei Prozessoren über Kabel dieser Länge verbunden wurden.

Der Grund für diesen Umweg ist physikalisch und unangenehm. Mehr Qubits auf einem Chip bedeuten kleinere Bauteile, und kleinere supraleitende Bauteile werden instabiler. Die Dichte lässt sich nicht beliebig steigern; irgendwann ist der Chip keine Lösung mehr, sondern die Grenze. Wer weiter skalieren will, muss mehrere Chips koppeln. Damit wird aus einem Fertigungsproblem ein Netzproblem — mit allen Nachteilen, die Netze haben.

Schematische Darstellung: zwei Chips mit je 120 Qubits, verbunden durch vier Kabel von 80 Zentimetern, darunter Maßstabsbalken 240 Qubits gegenüber 100.000 bis 1.000.000 Qubits
Der Unterschied ist keine Frage der Qubitzahl, sondern der Zahl funktionierender Verbindungen. Quelle: Science, 27. Oktober 2026; Zahlen sind Unternehmensangaben.

Denn jede Verbindung ist eine weitere Stelle, an der ein Quantenzustand verloren gehen kann. Supraleitende Qubits halten ihren Zustand nur für Bruchteile einer Sekunde, und ein Kabel dazwischen verlängert den Weg. Für einen Rechner, der Rechenfehler durch Fehlerkorrektur auffängt, braucht es nach heutigem Verständnis 100.000 bis eine Million Qubits. Das sind Größenordnungen jenseits von 240, und sie werden nicht durch einen besseren Chip erreicht, sondern durch sehr viele Verbindungen, die alle funktionieren müssen.

Entsprechend geteilt sind die Stimmen. Die Verbindung existiert, und sie funktioniert über eine Länge, die vorher niemand erreicht hatte. Eingeschränkt ist sie dennoch: Nach dem Bericht des Fachportals Data Phoenix war die Verkabelung des Gesamtsystems reduziert, gemessen wurden nur die Qubits rund um die Verbindungen, und das Experiment steht getrennt vom geplanten Starling-System — dem fehlertoleranten Rechner, den IBM für 2029 angekündigt hat. Die Autoren der Vorabfassung räumen außerdem ein, dass ein Magnetfeld beim Übergang des Aluminiumkabels in die Supraleitung die Qualität der Leitung mindert; zwei Lagen Abschirmgeflecht dämpfen den Verlust, die Ursache ist nach ihren Worten nicht geklärt.

Die Kennzahlen liegen vor, und sie sind der eigentliche Gehalt der Meldung: Die Übertragung eines Quantenzustands erreichte auf jeder der vier Leitungen mindestens 98,86 Prozent Treue, im Mittel 99,00 Prozent. Ein Gatter über die Chipgrenze hinweg kam im Mittel auf 94,75 Prozent. Alle vier Leitungen hielten drei thermische Zyklen durch, ohne dass sich eine Verbindung löste. Was weiterhin fehlt: wie lange ein Zustand über die Leitung hält, wie viel Kühlleistung der zweite Chip kostet, und ob sich eine Leitung trennen und wieder verbinden lässt — das wurde nicht getestet. Alle Zahlen stammen aus IBMs eigener Vorabfassung; unabhängig nachgemessen hat sie niemand.

Behauptet. Belegt. Offen.

Was behauptet wirdIBM hat zwei supraleitende 120-Qubit-Chips in einem Kühlgerät mit vier achtzig Zentimeter langen Kabeln verbunden — ein Schritt zur Skalierung über einen Chip hinaus.
Worauf es sich stütztBericht in Science vom 27. Oktober 2026 (DOI 10.1126/science.zow83t2) über eine von IBM veröffentlichte Vorabfassung; der Preprint selbst und der Science-Text sind nicht unabhängig nachgemessen. Ein nicht beteiligter Physiker wird mit der Einschätzung zitiert, es sei ein Meilenstein und die erste Verbindung zweier Prozessoren über Kabel dieser Länge. Qubit-, Längen- und Aufbauangaben stammen von IBM.
Was offen bleibtLebensdauer der Zustände über die Leitung, Kühlbedarf des zweiten Chips, Skalierung auf viele Chips. Nach dem Bericht von Data Phoenix war die Verkabelung reduziert und nur die Qubits an den Verbindungen wurden gemessen; die Autoren der Vorabfassung nennen den Verlustmechanismus im Magnetfeld ungeklärt, und ein Trennen und Wiederverbinden einer Leitung wurde nicht getestet. Eine unabhängige Messung liegt nicht vor. Dass KI von Quantenrechnern profitiert, ist bislang eine Erwartung, kein gemessenes Ergebnis.

SOURCE CHECK

Primär gelesen: der Bericht in Science vom 27. Oktober 2026, dazu die Angaben von IBM zu Qubitzahl und Kabellänge. Nicht geprüft: die Fehlerraten über die Verbindung und die Skalierung — dafür gibt es keine unabhängige Messung. Die Einschätzung, es sei ein Meilenstein, stammt von einem nicht beteiligten Physiker, nicht von einer Prüfstelle.

Was ich darüber denke

Man kann diese Woche als Verkabelungsmeldung abtun. Ich finde sie aus einem anderen Grund bemerkenswert: Sie zeigt, wie Fortschritt in dieser Technik inzwischen aussieht. Nicht wie eine neue Zahl auf einem Datenblatt, sondern wie vier Kabel in einem Kühlschrank. Wer Quantenrechner an Qubitzahlen misst, liest seit Jahren die bequemste Kennzahl — sie wächst stetig und sagt über die Nutzbarkeit fast nichts.

Die eigentliche Nachricht ist eine Länge: achtzig Zentimeter. Dass daraus ein Rechner wird, ist damit nicht gesagt; es ist nur nicht mehr ausgeschlossen. Und ein Schritt von vielen ist keine Ankunft — das behauptet niemand ernsthaft, außer in Überschriften. Wer Nutzbarkeit messen will, braucht ohnehin Kennzahlen, die noch niemand veröffentlicht hat: Fehlerrate je Operation, über eine Verbindung, über Stunden.

Vesna
Editor-in-Chief

DeepDive

Wie funktioniert ein Quantencomputer?

Version 1.0 · Aktualisiert am 5. November 2026 · DYNAMIC

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Quellen

Science, 27. Oktober 2026, Bericht: „IBM links two quantum chips in key step toward bigger computers“, DOI 10.1126/science.zow83t2 — Journalismus im Fachblatt, keine begutachtete Studie.

IBM: Angaben zu Nighthawk, Qubitzahl und Kabellänge. Herstellerangabe, nicht unabhängig geprüft.

Zum Maßstab der Fehlerkorrektur: gängige Schätzung von 100.000 bis einer Million physischen Qubits je logischem Qubit — Spanne, keine Messung.

Data Phoenix, 27. Oktober 2026: Bericht über die vier Kabelkoppler und die Einschränkungen des Aufbaus (reduzierte Verkabelung, nur Qubits an den Verbindungen gemessen). https://dataphoenix.info/news/ibm-meter-scale-quantum-l-couplers